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Mittwoch, 10. März 2010


tiefgang

Appetitblocker

Die Einkaufstüte rechts
zieht einen Buckel in mein Wesen.
Ich höre von goldenen Zeitalter,
von Konsum und von Wachstum,
aber höre nicht hin,
wenn Richie vom Alltag erzählt.

Ich versuche mich aufzurichten,
gerade zu biegen.
Derweil doziert Richie
über das Scheitern,
und ich erwäge
die Last besser auf die linke Seite
zu verlagern.

Die rechte ist mir zertrümmert worden,
als ich Richie auffing
und mit der weichen Schulter
auf harten Widerstand krachte.

Links lässt sich die Aldi-Tüte
auch besser ertragen.
Und Richie ebenso.
So nah an mich rangerückt,
fühle ich seine Weisheiten
ohne Halt
durch mich hindurch flutschen.

Ein Blick auf die Tüte
und ich denke:
Auch Beziehungen funktionieren
discountorientiert
und scheitern dennoch.

Einen Blick tiefer hinein
und ich frage mich:
Reicht mir das auch morgen noch?
Und wenn nicht,
was kaufe ich ein?


tiefgang, Mittwoch, 10. März 2010, 11:16

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Sonntag, 7. März 2010


tiefgang

zwanzig Gruben

zwanzig Gruben
deine Blicke
der Schlagmann mit blutigen Händen
schwingt nicht mehr
haufenweise Stolpersteine
umherverstreut
dein Platz im Schlagloch
nass gespritzt
nein
der Schlagmann schwingt nicht mehr
verzichtet darauf
die Demut der Welt
wir sind wie
nein
der Schlagmann schwingt nicht mehr


tiefgang, Sonntag, 7. März 2010, 17:29

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Freitag, 5. März 2010


tiefgang

Oft ist es nicht nur die selektive Wahrnehmung

Kai steht in einem Copyshop in Hamburg, den Funker am Ohr. "Zieh dir das rein, Alter. Der ständige Stress, das Gefühl nie wirklich frei zu haben, und jetzt schau ich zu wie der ganze Druck mit nur einem Druck... haha... nämlich der meiner Diplomarbeit, Blatt für Blatt abfällt. Wie geil ist das? Das ist die pure Phänomenologie, Alter. Der pure Wahnsinn."

Die Mittagssonne senkt sich allmählich durch das mit dem Firmenlogo beklebte Ladenfenster und zeichnet zarte Lichtstreifen auf Kai's schwarzes Jackett. "Jetzt erst wird mir klar, Digger, wenn ich da drüben die Seiten einer zweijährigen Hölle rausflutschen sehe, dass es vorbei ist. Ich hab's geschafft, Digger, heute geh'n wir noch so richtig einen saufen!" Kai verlässt den Laden. Sein Gang, sein ganzes Wesen wirken dabei geschmeidig und beschwingt, wie ein Fisch der vom Trockenen zurück ins Tauchbecken geschubst wurde.

Freddie kommt gerade von einem Bewerbungsgespräch. Im feinen Zwirn steht er unter einer Brücke in Berlin und versucht sich und den Anzug vor dem Niederschlag zu schützen. "Mhm... ja... okay... schön."

Schön langsam verbündet sich auch die Kraft der Sonne mit der von Kai, was ihn ziemlich hibbelig werden lässt. "Na, Alter, was is nu?"

Für einige Sekunden bleibt Freddie still stehen. Um ihn herum scheint eine ganze Welt im Erdboden zu versickern. Dann antwortert er. "In Berlin schneit es schon wieder..."


tiefgang, Freitag, 5. März 2010, 17:35

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Montag, 1. März 2010


tiefgang

Draußen ist es oft wärmer als drinnen

Das Bewusstsein schleicht sich
in Finn ein,
während das dunkle Blut des Vaters
an seinen Babyschenkeln
vorbeischießt
und ich am Spielplatz sitze
und mir das alles bloß
ausdenke.

Ich lege den Stift beiseite.

Die Augen eines ruinierten
Betonklotzes scheinen
(mich zu beobachten).
Nein, sie leuchten sogar.

Etwa vor Freude? Denke ich.
Sicher ist es gemütlich
und warm in ihnen.

Mich aber umzingeln Eisplatten
wie graue Fäden,
die mal rot waren.
Kein Herz mehr,
nur Asche und Blut.

Ich kann sie spüren:
Die Kristallblumen,
den gefrorenen Boden
und die stummen Lügen
der Gefühlskälte
unserer Natur.


tiefgang, Montag, 1. März 2010, 13:42

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Samstag, 30. Jänner 2010


tiefgang

Ja, wenn...

Wäre der Himmel blau,
würde er meine Stimmung spiegeln -

aber das Grau gerade
trifft es wohl auch gut genug...


tiefgang, Samstag, 30. Jänner 2010, 12:00

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Montag, 18. Jänner 2010


tiefgang

Besinnungslos

Ich liege im Bett
und male mir aus
wie es wäre
meine Sinne zu verlieren:

Mein Augenlicht;
schlimm wäre es,
würden meine Wunderwelten
hinter der Sonne verschwinden;
schwierig wäre es
dich zu finden,
aber es würde gelingen:

Deine Stimme;
fatal wäre es,
würde sich unser Zweiklang
im kalten Schaumstoff verlieren;
schwierig wäre es
dir zu folgen,
aber es würde gelingen:

Dein Duft;
grausam wäre es,
würden deine Glücksboten
für immer im Abfluss verschwinden;
schwierig wäre es
dich zu empfinden,
aber es würde gelingen:

Deine Berührung,
nicht auszuhalten wäre es,
würden deine Finger
immer wieder ins Leere greifen;
schwierig wäre es,
doch in Wahrheit egal,
wenn ich mir ausmale
wie es wäre
dich zu verlieren.


tiefgang, Montag, 18. Jänner 2010, 10:25

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Freitag, 8. Jänner 2010


tiefgang

Die Wahrheit ist oft härter als der Vorhang

Das Grau der Tapeten
wusste einfach alles
und doch wusste es
irgendwann nicht mehr
zu gefallen.

Dann bröckelte es ab –
einfach so
mir nichts, dir nichts.

Und siehe da,
darunter nistete
lange schon:

Ein blumiges
...
Schwarz.


tiefgang, Freitag, 8. Jänner 2010, 16:48

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Montag, 28. Dezember 2009


tiefgang

Repeat

Sofort nach dem Ankommen
fängt das Fortlaufen an.
So ist das bei mir.
In Beziehungen, im Job,
ja, eigentlich im ganzen Leben.
Es ist nunmal fortlaufend.
Das Leben.
Bis man ans Ende gelangt.
Ein gutes Buch ist ähnlich.
Man klappt es zu
und widmet sich
anderen Dingen.
Oder auch nicht.
Jedenfalls.
Danach verspürt man Wärme.


tiefgang, Montag, 28. Dezember 2009, 22:05

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Freitag, 27. November 2009


... und deine Seele berühren, meinte ich

Ich würde mich gern
mal richtig fallen lassen,
so ohne doppelten Boden
und ohne Auffangnetz.

Und dann würde ich gern
ganz nah bei dir sein,
so ohne doppelt hält besser
und dem anderen Kram.

Ich möchte gern
Mäuschen spielen,
so mit niedlichem Schwanz
und dem Nageinstinkt.

Ach was ich eigentlich will:

Ich möchte mich gern
in dir verschwinden sehen...


ink_ognito, Freitag, 27. November 2009, 12:09

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Sonntag, 18. Oktober 2009


tiefgang

Sonntagsmelancholie

Wie eine Lavalampe
scheint da etwas
durch das dünne Papier,
das meine Empfindsamkeit
schützt.

Schon mit einem Hauch
bauscht es der Sonntag
wie eine Blase
tief in mein Inneres.

Ein Leichtes, da jetzt durchzustechen.

Ich bin längst kein
unbeschriebenes Blatt mehr –
die Lampe flimmert dumpf
und blubbert –,
aber aus dem Gekrakel
werde selbst ich nicht schlau.

Kein Leichtes, da noch durchzublicken.

Heute hast du mich gefragt
wie ich mich fühle.
Ich meinte nur:
Wie Krepppapier.


tiefgang, Sonntag, 18. Oktober 2009, 22:39

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